Wenn eins plus eins drei ist
Leidensweg Dyskalkulie
Alinas Mutter ist bedient. Ihre Tochter hat die Mathematik-Probe zurück bekommen: Wieder wimmelt es vor Verbesserungen der Lehrerin in roter Schrift. Bei den Proben die Wochen zuvor war es nicht anders gewesen. Die Mutter ist ratlos. Schließlich hatte sie mit Alina tagelang gepaukt. Manchmal bis in die späten Abendstunden, bis der Siebenjährigen die Augen zufielen. Gebracht hat es nichts. Alina verrechnete sich erneut beim einfachen Addieren, erkannte keinen Unterschied zwischen den Aufgaben 8 minus 5 und 5 minus 8 oder wunderte sich, dass die Zahl 80 größer ist als die Acht. „Weshalb kapiert meine Tochter die einfachsten Rechenaufgaben nicht?“ „Weshalb ist sie blöder als die anderen?“ Alinas Mutter erinnert sich noch gut an Fragen, die sie plagten. Inzwischen weiß sie, dass ihre Tochter nicht blöder ist, als die anderen Kinder in ihrer Klasse. Alina leidet unter Dyskalkulie, einer Rechenschwäche. Ihr fehlt es an mathematischem Grundverständnis; im Gegensatz zur Legasthenie, also dem fehlenden Gefühl dafür, Wörter richtig zu schreiben. Bei schwerer Dyskalkulie hilft nur eine Therapie.
Alinas Eltern versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und stießen bei Recherchen im Internet auf Angelika Schlotmanns „Schütt-Methode“. Es gibt keine Vorwürfe mehr, wenn die Tochter bei einer Rechenaufgabe zum falschen Resultat kommt, und auch bei den Lehrerinnen an Alinas Schule ist die Mutter auf Verständnis gestoßen. „Ich hatte immer das Gefühl, dass wir gemeinsam einen Weg finden wollen“, sagt Alinas Mutter. Nach den Gesprächen mit Lehrerin und Rektorin sah die Lösung im letzten Schuljahr so aus: Alina, eine Schülerin mit ordentlichen Leistungen in anderen Fächern, nahm am Mathematik-Unterricht der ersten Klasse teil. In den anderen Fächern blieb sie weiterhin in der 2. Klasse. Was zunächst simpel klingt, war in der Praxis nicht so einfach. Die Stundenpläne der beiden Klassen mussten geändert und aufeinander abgestimmt werden. Für die Schulleiterin war diese Art der Hilfe eine Selbstverständlichkeit. Der nächste Schritt für Alinas Eltern war der Anruf beim Mathematischen Institut zur Behandlung von Rechenschwäche in München. Dort kümmern sich rund 50 Mitarbeiter (Diplom-Psychologen, Schulpädagogen, Mathematiker, Lehrer oder Ärzte) um Kinder, Jugendliche aber auch um Erwachsene, die an Dyskalkulie leiden. „Wir führen intensive Gespräche mit den Eltern“, sagt Marion Theis vom Mathematischen Institut, „und stellen zunächst fest, auf welchem Stand sich das Kind befindet.“ Danach wird beraten, ob ein intensiver Nachhilfe-Unterricht reicht oder eine Therapie begonnen werden sollte. Die dauert bis zu eineinhalb Jahren und verläuft laut Marion Theis oft erfolgreich. „Die Kinder“, sagt sie, „werden zwar nicht unbedingt Rechengenies.“ Aber sie machen spürbare Fortschritte. Grund- und Hauptschüler, aber auch Realschüler oder Gymnasiasten wenden sich an Theis und ihre Kollegen.
Im Gegensatz zur Legasthenie ist die Dyskalkulie noch nicht hinlänglich bekannt. Selbst an Schulen ziehen viele Lehrer ratlos die Schultern nach oben, wenn sie mit diesem Wort konfrontiert werden. Alinas Mutter hat sich reingekniet in diese Problematik, vieles versucht, was ihrer Tochter helfen kann und machte auch nicht Halt vor der Möglichkeit, die Rechenschwäche Alinas mit naturheilpraktischer Hilfe in den Griff zu bekommen. Gleichwohl sagt sie: „Ich würde mir wünschen, dass diese Lernschwäche ernster genommen wird. Denn ich glaube, dass es viele Schüler mit dieser Symptomatik gibt.“ Zum einen stehen nur in größeren Städten Therapieplätze zur Verfügung. Zum anderen zögert der Staat noch, eine generelle Noten-Befreiung für rechenschwache Schüler einzuführen – die es für Legastheniker längst gibt.
Seit Alina professionelle Hilfe bekommt, ist ihre Leistung im Fach Mathematik besser geworden. Letzte Woche durften sich Tochter und Eltern über einen Zweier in der Mathe-Probe freuen. „Sensationell“, schwärmt Alinas Mutter. Im vergangenen Jahr wäre diese Note undenkbar gewesen.
Dyskalkulie....
... ist eine Entwicklungsverzögerung des mathematischen Denkens bei Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen; auch Rechenschwäche oder Arithmasthenie genannt. Ein Arithmastheniker hat ein nur eingeschränktes Verständnis für Zahlen, Größenverhältnisse oder die Grundrechenarten.
Häufige Fehlerquellen:
Zahlen werden verdreht (34 statt 43)
Bei einfachen Kopfrechnungs-Aufgaben muss schriftlich gerechnet werden. Es fehlt oft ein Zeitgefühl. Schlechte Erinnerung, was im Mathe-Unterricht durchgenommen wurde. Das Kind erkennt nicht den Unterschied, wenn es nur 20 Cent statt 1 Euro Taschengeld bekommt
www.rechenschwäche.de
www.rechen-therapie-zentrum.de






