Leben mit Legasthenie
,,Ich hab doch versucht, gute Noten zu schreiben“
,,Lesen war schwer, Schreiben auch. Ich hab versucht, gute Noten zu schreiben, aber vor dem Diktat wusste ich schon: das gibt wieder eine Fünf“. Wenn der 14-jährige Jens so redet, klingt er gelassen. Seine Mutter kann sich noch heute über jene ersten Schuljahre aufregen, als die Lehrer behaupteten: ,,Legasthenie? Der Jens doch nicht!“ Erst in der vierten Klasse riet eine neue Klassenlehrerin zum Lese-Rechtschreib-Test und weiteren Untersuchungen. Dabei kam heraus: Jens hat Legasthenie, auch Lese-Rechtschreib-Störung genannt.
,,Die Ursachen der Legasthenie variieren und sind zum Teil angeboren“, informiert Dr. Edith Klasen aus München. Die Diplompsychologin arbeitete schon 1960 mit betroffenen Kindern. Seitdem forscht sie zum Thema, beriet schon etliche Familien und weiß: ,,Eltern aller Schichten und jeden Bildungsstandes haben Kinder mit dieser Teilleistungsstörung.“ So unterschiedlich wie die Rahmenbedingungen, so sind auch die Symptome. Viele Kinder lesen holprig, schreiben neue Wörter immer wieder anders – und jedes Mal falsch. Die heute zehnjährige Justina verdrehte Buchstaben und Ziffern. Ihre Lehrerin empfahl den Eltern schon im zweiten Schuljahr einen Legasthenie-Test.
Nach dem Test ändert sich für viele Kinder eine Menge, auch für Justina und Jens. Ihre Eltern sprachen mit den Lehrern, schließlich steht Legasthenikern in Bayern seit 1999 der Nachteilsausgleich zu. Die Rechtschreibleistung darf nicht mehr benotet werden, viele Schulen helfen Betroffenen zusätzlich durch das Vorlesen von Prüfungsaufgaben, Förderkurse oder Zeitzuschläge bei Proben. Jens und Justina machten zudem eine Legasthenietherapie bei Diplompsychologinnen des Arbeitskreis Legasthenie Bayern e.V.. „Ich habe erst gedacht: Mist, noch ein Nachmittag verplant“, erinnert sich Justina. ,,Aber dann fand ich es doch gut.“ Gemeinsam mit ihrer Therapeutin Heidrun Novak erarbeitet sie sich Buchstaben und Texte mit allen Sinnen und Schritt für Schritt.
Erfolgserlebnisse im Lesen und Schreiben brauchen Legastheniker – im Unterricht bleiben sie schließlich hinter den Klassenkameraden zurück, obwohl sie normal bis hoch intelligent sind. Manche Lehrer stempeln Legastheniker immer noch als ,,dumm“ oder ,,faul“ ab. „Mein Sohn wurde früher ausgelacht, und er hatte Prüfungsangst“, erinnert sich Jens’ Mutter. Die Therapiestunden machten den Jungen wieder selbstbewusst, in der sechsten Klasse wurde er dann Klassensprecher. Mittlerweile bringt er sogar Zweien und Dreien in Deutsch heim“, freut sich seine Mutter. Justina besucht nun die fünfte Klasse einer Realschule und berichtet: ,,Meine Diktate werden zwar nicht benotet, aber die Fehler zählen wir schon. Und es werden immer weniger“. Zukunftspläne schmieden beide schon: ,,Ich will mal Reitlehrerin werden oder ein eigenes Gestüt haben“, plant Justina. Für Jens steht fest: ,,Ich will zur Berufsfeuerwehr und mache dafür eine handwerkliche Ausbildung zum Spengler oder Elektroniker“. Dass Legastheniker alles werden können, beweisen zahlreiche Prominente: Albert Einstein und Agathe Christie, Keira Knightley und Mika haben es trotz Lese-Rechtschreib-Störung weit gebracht.
Legasthenie…
…äußert sich durch Probleme beim Lesen, beim Schreiben oder beidem
…hat dem aktuellen Stand der Forschung zufolge unterschiedliche neurologische oder genetische Ursachen. Sie sind oft angeboren, Eltern können sie auch vererben.
…hat zur Folge, dass Menschen Schrift anders wahrnehmen und verarbeiten als Nicht-Legastheniker. Wiederholen des Unterrichtsstoffs und normale Nachhilfe bringen daher wenig.
…haben einer Studie von 2006 zufolge etwa sechs Prozent aller Schüler im deutschsprachigen Raum
...kann zu psychosomatischen Folgeproblemen führen, wie Schulangst, Schlafstörungen, Depressionen, Aggressivität
…Legasthenie ist, wie Dyskalkulie (Rechenstörung), eine Teilleistungsstörung. Sie geht einher mit normaler bis überdurchschnittlicher Intelligenz
...war auch der Ausgangspunkt des Arbeitskreis Bayern e.V., der vor 33 Jahren aus einer Elterninitiative entstand und schon sehr vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit seiner kombinierten Lern- und Psychotherapie geholfen hat. Beratung und weitere Informationen gibt es in Regensburg unter 0941-54896, für München und alle Orte Bayerns unter der zentralen Telefonnummer 089-8541908 sowie
www.akl-bayern.de, info@akl-bayern.de.





