Thema Sex nicht tabuisieren
So sehr ihn sich viele Eltern herbeisehnen, es gibt ihn nicht. Den optimalen Moment zur Aufklärung. „Es ist ein Mythos. Den richtigen Zeitpunkt gibt es nicht“, erklärt Eva Gehring. Sie ist die Leiterin der Regensburger Beratungsstelle von pro familia und weiß: „Sexualerziehung beginnt mit dem ersten Lebenstag“. Sehr wichtig ist in diesem Zusammenhang, allem rund um Sex einen Namen zu geben; angefangen beim Wickeln zum Beispiel die Genitalien genauso zu benennen wie den Ellbogen oder das Knie. Und auch, wenn Kinder fragen, wo sie herkommen, rät die Sozialpädagogin, es den Kleinen schlichtweg zu erklären. Das Alter des Kindes spielt dabei keine Rolle.
Die Fragen gehen in der Regel im Kindergarten los. Allerspätestens im Grundschulalter müssen sich Eltern darauf gefasst machen, dass ihre Kleinen ihnen Löcher in den Bauch fragen. Wichtig bei den Antworten ist vor allem, dass Eltern rüberbringen, dass Sexualität etwas Lebensbejahendes ist. Für den Nachwuchs ist das Thema nicht schambesetzt. Erst wenn die Erwachsenen ins Stottern geraten, merken Kinder, dass sie ein Tabu-Thema erreicht haben.
Es gibt viele Kinderbücher und auch Bilderbücher, die sich mit Sexualerziehung beschäftigen. Zum Beispiel „So was Tolles“ von Robie H. Harris und Michael Emberley. Witzig und wunderbar liebevoll haben die Autoren das Buch gestaltet und lassen dabei weder den Kitzler noch das Thema Kindesmissbrauch aus. Auf den Seiten „Berührungen erlaubt und verboten“ wird den Kleinen erklärt, dass sie „Lass das“ auch zu Leuten sagen müssen, die älter sind als sie selbst. Nicht ganz überzeugt ist die mampa-Redaktion von Janosch’s „Mutter sag, wer macht die Kinder“. Die Bilder sind zwar in gewohnter Janosch-Qualität aber weniger kindgerecht als die aus dem Buch „Peter, Ida und Minimum“. Die Autoren beschreiben darin liebevoll alles, was man wissen muss. Und lassen dabei auch die Hormonschwankungen einer Schwangeren und die Eifersüchteleien zwischen den Geschwistern nicht aus. Mit Hilfe solcher Büchen finden Eltern und Kinder eine gemeinsame Ebene um dieses Thema zu bequatschen. Je tabuisierter das Thema für die Kinder ist, desto gefährlicher. Sexualerziehung bedeutet nämlich auch Prävention vor sexuellem Missbrauch. Denn nur ein Kind, das weiß, worum es geht, kann auch „Nein!“ sagen. Eva Gehring nutzt ein Beispiel: „Ein Mädchen erzählte, dass ihr Opa immer Dachs und Fuchsbau mit ihr spielte. Es hörte sich nach einem harmlosen Spiel an. Bis klar wurde, dass der Dachs der Penis des Opas und der Fuchsbau die Scheide des Mädchens war.“
Kinder müssen ganz genau erkennen, was schöne und was blöde Gefühle für sie sind – und das auch äußern dürfen. Wieder hat die Fachfrau ein Beispiel parat: „Wenn das Kind der Oma kein Bussi geben will, darf es nicht dazu überredet werden. Die Kleinen müssen über sich selbst bestimmen dürfen. Nur wenn ihr Selbstbestimmungsrecht von Anfang an gestützt wird, haben sie in einer kritischen Situation die mentale Kraft, sich zu wehren. Sexualerziehung bedeutet, ein mutiges Menschlein heranwachsen zu lassen“, erklärt Eva Gehring. Insgesamt darf das Thema Sex keinesfalls Tabuisiert werden. Denn das trägt zu Sprachlosigkeit bei und hält uns davon ab, frei über unseren Körper zu bestimmen.





